Freitag, 16. März 2012

Von der Liebe Teil I


Etwas in mir rät mir, dieses Thema zu lassen. Nein, schreib es nicht, sagt diese Stimme, das gibt nur Ärger. Im Ärger kriegen bin ich gut.
Es geht um das Thema Liebe und das, was ich auf diesem Gebiet erlebt und gehört habe. Aber bitte keine Hoffnung (bzw. Angst) machen. Ich werde mitnichten irgendwelche erotischen Erlebnisse beschreiben. Lediglich ein paar Erfahrungen, die mich verwundert haben.
Bevor ich nach Paris kam, machte ich mir kein Bild von der Liebe in Frankreich. Ich kam als Single her und war für alles offen. Ein Bekannter sagte mir, ich solle aufpassen, die Pariserinnen seien heiß. Ich hätte genauer nachfragen sollen, was er damit gemeint hat. Aber wenn es das ist, was ich verstanden habe, sind die heißen Pariserinnen immer da wo ich nicht bin. Mit Sicherheit liegt das aber am Alter. Ich studiere schließlich hier und habe selten mit Frauen zu tun, die ungefähr mein Alter haben. Fast alle von den Studentinnen hier könnte ich theoretisch gezeugt haben (wenn ich mich angestrengt hätte). Die Frauen in der Hochschul-Verwaltung, die ich hin und wieder treffe, sind hingegen schon wieder etwas älter als ich. Einige sind zwar nicht abgeneigt, wie ich das so erkenne. Aber vielleicht nicht ganz mein Fall.
Aber es soll erstmal nicht um mich gehen.
Meine liebe, gute Freundin Leila ist verheiratet. Schon ziemlich lange. Sie ist Algerierin und ihr Mann Mathieu ist Afrika-Spezialist. Er lebt in Südafrika und sie hier. Er liebt sein Johannesburg und sie liebt Paris. Ich hatte mich erst gewundert, wie so eine Extrem-Fernbeziehung funktionieren kann. Mathieu kommt etwa zwei bis drei Mal im Jahr nach Paris, räumt seine Bücher um, klappert ein paar Freunde und Kneipen ab, erledigt ein paar Behördengänge, geht zum Friseur und fliegt dann wieder.  
Dann redete Leila einmal von einem anderen Mann: Jean-Michel. Sie erzählte mir, dass er ihre große Liebe sei, redete von Schicksal, von zwei Teilen, die ein Ganzes ergeben. Ich verstand noch nicht so gut französisch und daher sehr langsam. Es passte nicht. Ich dachte: Entweder sie oder ich verwechsle jetzt die Namen der beiden Männer. Sie bemerkte meinen fragenden Blick. "Der in Südafrika lebende Mathieu ist mein Mann und Jean-Michel ist mein Freund." Ich war ein bisschen enttäuscht. Leila kam mir so anständig vor. Dann erfuhr ich, dass ihr Ehemann Mathieu mit Frauen in Südafrika ausgeht, die seine Enkelinnen sein könnten und dann Leila anruft, um ihr davon zu berichten. "Sodom und Gommorrha", würde die alte Frau Kling empört ausrufen. Doch Leila und Mathieu haben sich arrangiert. Er hat seine Farm mit jungem Gemüse in Afrika und sie ihr Leben und ihre Liebe hier in Paris. Als ich mich gerade an den Gedanken gewöhnt hatte, kam der nächste Hammer. Jean-Michel hat eine Freundin, erzählte Leila. Ja klar hat er eine Freundin, sagte ich. Dich. NEIN, sagt sie. Er habe seit Jahren eine Partnerin, mit der er auch zusammen lebt. Und die weiß nicht mal was davon, dass sich Leila und Mathieu seit immerhin schon anderthalb Jahren treffen. Übrigens: Immer nur vormittags, maximal bis um zwei haben die beiden Zeit, sich zu lieben.
Abends muss Jean-Michel zuhause sein. Leila ist sozusagen seine Vormittagsfreundin. Irgendwie tut sie mir leid. Aber sie selbst sagt, dass sie sich sehr wohl fühlt. Sie habe noch keine feste Beziehung geführt, bei der ihr der Mann so viel Aufmerksamkeit geschenkt habe. Und wenn sich Jean-Michel von seiner Partnerin trennen würde, um mit ihr zusammen zu leben -  sie wisse nicht genau, ob sie dies wolle, sagt Leila.
Und ich weiß nicht genau, wie ich darüber denken soll. Ich würde ja noch verstehen, wenn es Jugendliche wären. Da sind solche Dummheiten, denke ich, verzeihlicher. Aber die drei Teilnehmer dieser Triangel sind alle deutlich über fünfzig. Neulich war Jean-Michel im Urlaub mit seiner richtigen Freundin. Er hat öfter mal angerufen und Leila gesagt, wie sehr er sie vermisst. Ich habe ihn mir folgendermaßen vorgestellt. Auf einer Restaurant-Toilette sitzend, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, flüstert er in sein Handy, wie sehr er Leila vermisst. Und dann geht er wieder zurück an den Tisch und gibt seiner richtigen Freundin einen Kuss. 
Und dann kommt Ilse Kling mit Wischmob ins Bild: "Iah werdets alle in der Hölle schmoan!"  



Anm.: Namen (außer der von Frau Kling) sind geändert. 

Donnerstag, 23. Februar 2012

Strippen mit Herz




Eine Art Theater
Meine Mitbewohnerin Maja fragte mich gestern, ob ich abends schon etwas vorhabe. Das war nicht der Fall und so nahm sie mich mit zu einer "Art Theater", wie sie ankündigte. Ich muss zugeben, dass ich kein fanatischer Anhänger der Theaterszene bin, habe selten Stücke erlebt, bei dem ich nicht ständig auf die Uhr geschaut und am Ende begeistert geklatscht habe. Nicht wegen der Schauspieler, die mir viel zu oft, das Kinn in die Höhe gereckt, auf die Bühne geschritten kamen, sondern eher, weil ich mich gefreut habe, dass sie es endlich geschafft hatten. Ich lasse mich in diesem Punkt gerne als Banausen titulieren.
Neulich habe ich mich bei einem Essen mit Maja und ihren Freunden selbst ins Abseits geschossen, als ich herauspolterte, dass ich zeitgenössischen Tanz nur schwer ertragen kann. Hätte ich gewusst, was ich damit anrichte. Alle, die mit am Tisch saßen, hatten irgendwann mal irgendwas mit Schaupielerei zu tun und diese Art des Tanzes ernsthaft praktiziert.
Es gab einen Moment der Stille. Dann wurde ich Zielperson einer Gehirnwäsche, die fünf Personen um mich herum vornahmen. Meine Ablenkungsversuche, die aus Weineinschenken und Käseanbieten bestanden, brachten das Kommando nicht von dem Versuch ab, mir die Raffinessen, Schönheiten und vielfältigen Möglichkeiten dieser Kunst weitschweifig zu erklären.  

Zurück zum gestrigen Theater-Abend. Meine Mitbewohnerin Maja verwendete den Ausdruck burlesque (gespr.: bürlesk) bei der Beschreibung der Vorstellung. Kam mir bekannt vor. Ich schaute im Internet nach und fand die Übersetzung: "burlesk". Aha. Und irgendwo noch den Begriff possenhaft. Schließlich rückte Maja endlich raus mit der Sprache und sagte, dass es sich um eine Striptease-Veranstaltung handele und der Eintritt gratis sei. Ne amüsante Stripp-Show für Umme also. "Bin dabei", sagte ich.
Maja erklärte mir auf dem Weg, dass es sich nicht um professionelle Tänzer handelte, sondern um Frauen, die das als Hobby betreiben. Wunderbar, dachte ich. Exibitionistische Hausfrauen. Wieder kann ich eine echte Pariser Erfahrung sammeln. Schließlich wurde am Fuße des Montmartre Anfang des 19. Jahrhunderts von Wäscherinnen das professionelle Ausziehen erfunden. Quietschende Frauen in Rüschenunterhosen, die ihre Röcke schwangen und sich so ihr Gehalt aufbesserten. Nun erlebe ich die Weiterentwicklung der Cancan-Tradition. Das Moulin Rouge hat ausgedient. Die Subkultur des Varieté findet in Pariser Hinterhöfen statt! 
Wir kamen 20 Minuten zu spät. Die kleine Bühne befand sich im schummrigen Keller der Bar und die zweite Akteurin des Abends war gerade wieder in der Garderobe verschwunden. Wir sahen noch nichts aber hörten schon alles. Das Publikum bestand aus nicht mehr als zwei Dutzend Leuten aber die kreischten und johlten für 300.
Ich habe in Deutschland schon ein paar Mal Striptease-Tänzerinnen bei der Arbeit gesehen. Die waren immer bildschön, hatten einen makellosen Körper und ließen alle Hüllen fallen. Das hier war etwas anderes. Die Frauen hatten teilweise nicht jene Idealmaße, die man Stripperinnen attestieren möchte. Manchmal hakte etwas im Rhythmus, der Strumpf rutschte nicht so leicht wie gedacht von der Wade oder es gab eine Balancestörung. Das war dann unfreiwillig komisch. 
Balance-Akt: Strumpf hinterm Rücken ausziehen


Doch das Publikum klatschte und spornte die Tänzerinnen noch mehr an. Der Tanz war um einiges ausdrucksstärker als das, was ich mal bei der Geburtstagsfeier eines Freundes als Strip-Akt erlebt habe. Das hier war Strippen mit Herz. Im Gegensatz zum herkömmlichen Profi-Ausziehen wurde sich hier auch nicht komplett entkleidet. Die Höschen blieben an und die Brustwarzen waren mit Bommeln, Blüten, Herzchen oder anderen Accessoires beklebt. Meinen Recherchen zufolge handelt es sich um den gleichen Klebstoff, mit dem man künstliche Bärte befestigt.
Ulala und Aiaiai

Die Stimmung in dem kleinen Keller war nicht zu toppen. Jede noch so kleine Andeutung, jedes abgestreifte Strumpfband, jeder geöffnete Knopf wurde mit einem Jauler, einem Pfeiffer, einem Schrei, einem Ulala, einem Aiaiaiiii oder einfach nur Klatschen honoriert. Das, was Frauen (offiziell) auf der Straße verabscheuen, war hier ausdrücklich erwünscht. Und am Ende jeder Nummer folgte ein tosender Applaus. Später sah ich, dass die Partner von zwei der Tänzerinnen im Publikum saßen. Sie verhielten sich zurückhaltender und beobachteten die anderen Gäste ein wenig argwöhnisch. 
Der eine hielt seine Freundin unentwegt auf der Kamera fest. Womöglich werten die beiden es später gemeinsam aus. Eine Erfahrung, die nicht viele Paare teilen können.
Ich fragte mich, was genau die Motivation der Frauen sein mag, sich vor anderen Leuten zu entblößen. Maja, die Schauspielerin, sagt, dass es einfach ein tolles Gefühl sei, wenn man auf der Bühne steht, und für das, was man macht, Applaus erntet. Nimmt man den Beifall in der kleinen Kellerbar zum Maßstab, muss dies ein höllischer Kick für die Damen sein.

Resümee: Ich mag also keinen modernen Tanz, habe aber Spaß, wenn sich Hausfrauen nach Musik und vor kreischendem Publikum ausziehen. Muss ich mir ernsthaft Gedanken über mein Niveau in punkto Kultur machen?
Vielleicht sollte ich eine Striptease-Bar eröffnen. Oder mal einen Volkshochschulkurs im zeitgenössischen Tanz besuchen. Oder beides miteinander verbinden. Schreckliche Vorstellung.


Mehr Fotos unter:  http://www.flickr.com/photos/awilhelm/6923134001/in/photostream/lightbox/




Mittwoch, 4. Januar 2012

Vive la Fluppe!

Dieser Eintrag ist meiner Schwägerin gewidmet, die mich zu Weihnachten als schrullig bezeichnet hat, weil ich wollte, dass sie zum Rauchen vor die Tür geht. Deswegen und weil Silvester grade vorbei ist, Gute Vorsätze etc., schreibe ich heute über das Rauchen.
Die Franzosen sind ein Volk der Raucher. Praktisch jeder Franzose raucht. Rauchen gehört zum Guten Ton. Schon zur Geburt wird dem kleinen Franzosen eine Stange Gauloises in die Wiege gelegt. Den Mädchen die Roten und den Jungs die Blauen.

Es gibt auch keinen französischen Film, in dem sich nicht sämtliche Schauspieler andauernd eine Kippe in den Mundwinkel stecken. Ich sage nur: Michelle Piccoli. Der fällt mir als erster ein, weil er in einem Film mit Romy Schneider (wirklich) eine Kippe an der anderen angezündet hat. Neulich habe ich "Poulet aux prunes" gesehen, zu deutsch: Huhn mit Pflaumen. Ich erwartete einen lebensbejahenden Film mit kulinarischen Raffinessen. Auf der Leinwand sah ich dann einen depressiven Mann, der beschlossen hatte, zu sterben, weil seine Geige kaputt gegangen war.


Na gut. Abgesehen davon, dass ich dem Streifen jegliche Preise abstreite, die er gewonnen hat, muss ich einfach mal unterstellen, dass er von der Tabakindustrie finanziert wurde. Ungefähr 200 Zigaretten wurden in dem Film verqualmt. Wer weiß, wie viele Fluppen bei den Dreharbeiten drauf gegangen sind. Selbst die von mir verehrte Isabella Rossellini lässt es sich nicht nehmen, uns eine wahre Zigaretten-Ballade vorzuhauchen, in dem sie ihrem Filmpartner vorschwärmt, was für ein Genuss das Rauchen ist. Ich dachte, gleich schaut sie mit verführerischen Augen direkt in die Kamera und erinnerte den Zuschauer daran, dass er nach dem Kino erst mal schnell Eine durchziehen muss. Isabella, leider wird´s nun nix mehr mit uns!


Der Höhepunkt aber war der Film "La guerre est déclarée" (Der Krieg ist erklärt), in dem ein junges Paar den Kampf gegen den Gehirntumor seines dreijährigen Sohnes aufnimmt. Das hindert den Regisseur aber nicht daran, so viele Mitwirkende wie möglich während der gesamten Handlung paffen zu lassen. Ein Mann und eine Frau also, die während des Films gemeinsam ein paar Schachteln verdrücken und sich verzweifelt fragen: "Warum UNSER Sohn?"

Ausgerechnet in Berlin, wo ich zu Weihnachten war, wurde ich an die gute französische Seite erinnert, was das Rauchen betrifft. Ich wachte nämlich nach einer recht feuchtfröhlichen Nacht auf, griff zu meiner Hose, weil ich eine Milch kaufen wollte und musste feststellen, dass diese furchtbar nach Kneipe stinkt (die Hose). Mein Kumpel Thomas und ich hatten in zwei Bars gesessen. Wie gesagt: Berliner Bars. In beiden wurde ordentlich gepafft. War da nicht mal so was wie ein Rauchverbot?

In Paris habe ich noch nie in einer Kneipe gesessen und mich danach vor meinen Klamotten geekelt. Ich schaue mit Hochachtung und Dank auf unsere europäischen Nachbarn, in deren Bars nicht geraucht wird. Alle gehen artig nach draußen. Vive la France!
Neulich abend war ich in einem netten Lokal am Montmartre. Meine Begleiterin sagte, dass sie jetzt mal kurz vor die Tür gehe. In einem Journal stöbernd wartete ich auf ihre Rückkehr als ich feststellte, dass ich plötzlich der Einzige im Lokal war. Neben den etwa zehn Gästen waren nämlich auch der Barmann und der Koch auf der Straße und dampften. Ich hätte, wenn ich gewollt hätte, in aller Seelenruhe die Kasse ausräumen können. Ich musste kurz lachen.
Dann schaute ich durch die Fenster nach draußen auf die gesellig palavernden Raucher, wie sie gemeinsam schöne Rauchfahnen in die Abendluft pusteten. Und ich dachte: Vernunft macht manchmal ganz schön einsam. Isabella, ich gebe Dir noch eine Chance!

Tipp des Autors: Andreas Wilhelm hat nach 17 Jahren von einem auf den anderen Tag aufgehört und zwar mit Hilfe des Buches "Endlich Nichtraucher" von Allen Carr.

Mittwoch, 30. November 2011

Mit zwei Karten ein gemachter Mann

Eine der Sachen, die mich in Paris dauerhaft faszinieren, ist das Kino. Es ist so beliebt wie bei uns IKEA an einem Sonnabend-Vormittag. Zuweilen glaube ich, mich in den Anfangszeiten der Kinematografie zu befinden, so viele Menschen stehen an manchen Tagen an. Besonders schlimm ist es an und vor Feiertagen. Da werden die Leute unruhig, schubsen und es kann schon mal passieren, dass man keine Karte mehr bekommt. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir so etwas nach der Wende in Berlin passiert ist. Neulich war ich mit meiner Bekannten Sarah auf einen guten Film aus. Les Intouchables kam gerade neu in die Kinos. Eine ewig lange Schlange wartete schon vor dem Kinopalast Odeon. Und Sarah kam wie immer zu spät. Selbst die reservierten Karten wurden alle von ihren Käufern abgeholt. In Berlin wäre der Abend gelaufen. Man wäre stinkig auf dem Zuspätkommer und würde was trinken gehen.
Nicht so in Paris. Sarah kennt die Szene und will sogar Cinema studieren. Wortlos zwinkerte sie mir zu, lotste mich zu der nächsten Station der Leihfahrräder und wir waren in zehn Minuten beim nächsten Kino-Tempel. Die Vorstellung kam etwas später, wir waren drin und der Saal ebenfalls ausverkauft.
Zwei Dinge sollte man sich wirklich besorgen, wenn man länger in Paris bleibt. Ein Karte der Firma Velib (das sind die Leihfahrräder) und eine Jahres-Kino-Karte. Mit diesen zwei Karten ist man ein gemachter Mann und kann viele interessante Abende sehr preiswert verbringen.
Velib verlangt 35 Euro für ein Jahr. Zu diesem Tarif kann man sich die Räder der rund 4000 Stationen ausleihen und eine halbe Stunde am Stück benutzen. Gratis. Diese halbe Stunde sollte man einhalten, sonst wird´s teuer. Ich habe selbst mal die Erfahrung gemacht, weil die Station an der ich mein Rad angedockt hatte, irgendwie den elektronischen Funkcode nicht lesen konnte. Am nächsten Tag, als ich wieder ein Rad ausleihen wollte, wurde ich von dem Stations-Monitor darauf aufmerksam gemacht, dass ich noch ein Rad in Gebrauch habe. Was natürlich nicht stimmte, mir aber Angst machte, weil ich wusste, dass die Preise mit jeder halben Stunde nahezu potentiell steigen. Wenn mir meine Mitbewohnerin Maja nicht geholfen hätte, hätte ich über 200 Euro zahlen müssen. Die Firma konnte aber zum Glück nachvollziehen, welche Docking-Station eine Macke hatte.
Ein eigenes Fahrrad zu kaufen macht hier keinen Sinn. Nicht nur weil Velib so günstig ist und man innerhalb einer Stunde fast alles erreicht hat. Auch, weil ein eigenes Fahrrad in Paris nicht lange ein eigenes Fahrrad bleibt, sondern, wie mir hier jeder sagt, rasch den Besitzer wechselt. Sehr rasch. Wer Rad fährt in Paris sollte einen kräftigen Daumen haben und außerdem mutig sowie  sehr vorausschauend sein. Ich glaube manchmal, dass das Fahrrad noch etwas sehr exotisches ist hier. Die meisten Autofahrer zum Beispiel sind der festen Überzeugung, dass sich ein geradeaus fahrender Radler einem rechtsabbiegendem PKW unterordnen muss. Man erkennt das Gesicht eines ausländischen Radfahrers an einer Pariser Kreuzung schnell an den weit aufgerissenen Augen. Ach so: Den dicken Daumen benötigt man übrigens für den Dauerbetrieb der Klingel.

Die Kinokarte ist ungefährlicher, dafür etwas preisintensiver, lohnt sich aber. Ein einzelner Besuch in einem der rund 650 Filmtheater (Berlin hat an die hundert Kinos) kostet rund zwölf Euro. Die Magnetkarte "UGC-Illimité-Express" der Firma UGC (ein großer Kinokonzern) hingegen kostet pro Jahr (!) 25 Euro plus 18 Euro monatlich. Und dann kann man in den Kinos der UGC-Kette Filme schauen bis man rausgetragen wird. Das lästige Warten an der Kasse fällt weg, denn mit der Karte zieht man sich sein Ticket an einem Automaten. Zugegeben: An manchen Tagen stehen sogar Schlangen an diesen Maschinen.
Doch so manche Ausfallstunde der Uni habe ich schon vormittags in einem Kinosaal verbracht, in dem ein Dutzend Leute saß. Mein Stammkino unweit des Centre Pompidou zählt 20 Säle. Man hat keine Mühe, einen Film zu finden, der einen interessiert und innerhalb der nächsten 30 Minuten anfängt. Da fällt mir ein: Ich könnt schon wieder.  

Sonntag, 30. Oktober 2011

Kleinere Detonationen


Ich hatte mich ja schon einmal an dieser Stelle gewundert, warum die Leute aufgrund der Enge in Paris nicht ausrasten sondern immer, naja sagen wir fast immer, höflich sind. Warum sie seelenruhig wie indische Kühe bei Rot über die Straße schlendern und die Autos nicht hupen. Louiza hat mir neulich erzählt, dass sie an einer kleinen Gruppe eifrig erzählender Frauen vorbei wollte. Bürgersteig eng. Straße stark befahren. Als sie darum bat, dass man Platz machen möge, erwiderte eine der Frauen: "Pardon Madame, wir haben unser Gespräch noch nicht beendet." 

Allmählich verstehe ich, dass die einzig wahre Antwort und die wirklich effizienteste Waffe gegen den Stress eine gehörige Portion Phlegma ist. Während auf der Frankfurter Allee in Berlin der Schmalspur-Schumi auf die Hupe boxt, weil in hundert Meter Entfernung eine alte Frau mit Krückstock nicht schnell genug über die Straße humpelt, wird hier in Paris mindestens zwei Ampelphasen gewartet, bis der Baguette-Lieferant in vorderster Reihe aus dem Tagtraum gerissen wird.  

Dennoch: So ganz ohne Zwischenfälle läuft der Pariser Alltag auch nicht ab. Ich glaube, der angestaute Stress entlädt sich in kleineren Detonationen. Diese Woche wurde ich Zeuge einer solchen Entladung an der Supermarktkasse. Ein Mann, der nur ein Thunfischsandwich in der Hand hielt, fragte mich, ob ich ihn vorlassen würde. Ich machte selbstverständlich Platz. Die Dame vor mir war nicht so großzügig sondern machte ihn sehr laut darauf aufmerksam, dass ein freundliches "Bitte" doch das Mindeste sei. Der Mann seinerseits war so erschrocken, dass er sich spontan dazu entschied, gleich komplett die Kasse zu wechseln. Er murmelte dabei etwas, was ich nicht verstand. Es muss etwas Unanständiges gewesen sein, denn es brachte die Frau vor mir dazu, nun ihre ganze Kraft in die Stimme zu legen, damit auch die Menschen am anderen Ende des Supermarktes erfahren können, was für ein übler und unfreundlicher Zeitgenosse hier einkauft. Von da an wechselten sich die beiden in den Beleidigungen ab. Er unterstellte ihr zunächst, sich zu prostituieren, woraufhin Sie unter anderem seine Mutter bezichtigte, ebenfalls ihren Körper feilzubieten. Das ging in ähnlicher Weise weiter und wurde immer heftiger. Hierbei sei erwähnt, dass es sich um zwei Bürger mit so genanntem Migrations-Hintergrund handelte. Das ist an sich nicht nennenswert, schon gar nicht von mir, weil ich ja selbst Ausländer bin. Aber in dieser Situation fand ich es komisch, weil sie sich unter anderem gegenseitig vorwarfen, nicht richtig französisch zu können. Die beiden wurden immer lauter und die anderen Kunden immer stiller. Selbst, als die Frau ihre Sachen einpackte und er immer noch (wegen ihr) zwei Kassen weiter wartete, ja sogar draußen auf der Straße gab’s verbale Haue. Er, den Mund voller Thunfischsandwich (kleine Stückchen davon flogen durch die Luft), und sie, mit ihrer Rolltasche, schon in einiger Entfernung die Faust in die Luft boxend. Beide wollten das letzte Wort haben, bis die Frau an der nächsten Ecke verschwand. Dann war alles wieder wie vorher.
Die Googlekamera war offensichtlich unauffälliger als meine.

Ein anderes Mal war ich mittendrin im Epizentrum. Ich habe einen Kaffee in der Marktstraße in meinem Viertel getrunken und das lebhafte Treiben beobachtet. Ich wollte das einfach mal festhalten, zog meine Kamera aus meinem Rucksack und drückte ab. Eine Frau, die auf einem Pappkarton bunte Tücher ausgebreitet hatte und sich gerade von ihrem Verkaufsgespräch abwandte, bekam das mit. 


Der Markt an sich hat im Prinzip schon einen enormen Geräuschpegel. Dennoch schaffte es diese Frau, mit nur mit ein paar Sätzen die Aufmerksamkeit der halben Straße auf sich und dann auf mich zu lenken. Offensichtlich mögen die Leute in dieser Straße nicht fotografiert werden. Die Frau gebärdete sich nämlich, als wenn sie mich gerade dabei ertappt hätte, ihr Kind zu entführen.
Wie ich schon ungefähr vermutet hatte, sind die Pappkarton-Stände mit den Dolce&Gabbana-Gürteln, mit den hochwertigen Uhren und Sonnenbrillen, und mit den DVDs der aktuellsten Kinofilme nicht hundertprozentig legal. Jedenfalls beschuldigte mich diese Frau, für die Polizei zu spitzeln. Das Wort Polizei hat eine ganz besondere Wirkung in dieser Straße. Die Blicke aller Umstehenden liefen sofort wie die Straßen am Arc de Triomphe auf mich zu. Ich fühlte mich an meinem kleinen Kaffeetisch ein wenig in der Klemme. Darum entschloss ich mich, so unschuldig wie möglich zu schauen, das Wort Tourist zu meiner Rechtfertigung anzuwenden und mich mehrmals zu entschuldigen.
Ich dachte später daran, warum ich es eigentlich war, der sich schuldig fühlen muss. Praktisch die ganze Straße betreibt illegale Geschäfte, jeder der Händler hat ein Auge auf seinen Stand und eins auf die Straße. Immer die Angst im Nacken, die Polizei könne kommen und die komplette Ware konfiszieren. Und ich, der einzige, der ganz legal dort ist, der vielleicht ein paar Bananen aber niemals eine Raubkopie kaufen würde, der nur ein Bild machen will, weil er die Fotografie als Hobby betreibt. Der läuft Gefahr, mit dem Riemen seiner Kamera aufgeknüpft zu werden. Auf meinem Grabstein würde stehen, dass ich nun für Google-Earth arbeiten könne.     
So weit ist es zum Glück nicht gekommen. Mein Unschuldsblick und meine unfreiwillige Gesichtsröte wirkten. Die Frau meinte zwar noch, dass alle Touristen foux, also blöd oder verrückt, seien. Aber die Situation entspannte sich zusehends. Von einer umfangreichen Fotoreportage über die Leute in der Marktstraße nehme ich vorerst Abstand.

Donnerstag, 20. Oktober 2011

tüvoaskschwötedir?

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Lieber Gott, lass mich Französisch verstehen. Und zwar viel und bald. Der Hauptgrund, warum ich hierher gekommen bin, war, endlich diese Sprache zu lernen. Ich mochte sie, glaube ich, schon immer. Schon als Kind, als mein älterer Bruder die Beatles Schallplatte mit dem Lied Michelle rauf und runter gehört hat. Oder als meine Eltern mir die Marseillaise beigebracht haben.  Damals waren es nur wohlklingende Laute, die ich auswendig nachplapperte, ohne mich wirklich für den Sinn zu interessieren. 
Und nun kann ich mich auch schon unterhalten. Mein Gesprächspartner muss zwar Geduld haben und mich mögen. Denn ich muss oft nachfragen und abgesehen von den fragenden Worten, setze ich (teilweise schon unabsichtlich) ein ratloses Gesicht auf, wenn etwas unklar ist. Wenn mir nur ein Wort im Satz fehlt, kann die ganze Info den Bach runter gehen. 
Manchmal frage ich auch nicht. Dann nicke ich zu den fremden Worten verständnisvoll und interessiert. Und wenn ich Glück habe, ist der Erzähler ignorant genug, um nicht ein gleichberechtigtes Gespräch zu erwarten, bei dem ich etwa auch mal was sagen will. Das ist dann der Zeitpunkt, ein neues Thema zu eröffnen. Zum Beispiel mit: Hast Du eigentlich schon Hausaufgaben gemacht? Aber wer will einem schon verübeln, wenn man nicht gleich die schwierige französische Buchstabensuppe auseinanderdefinieren kann.
Wenn jemand "tüvoaskschwötedir??" fragt und das soll nicht nur ein Wort sein - sondern acht. Da können schon mal ein paar Minuten der Ahnungslosigkeit verstreichen, bis man begreift: Der Mensch wollte fragen, ob ich erkenne, was er mir sagen möchte. "tu vois ce-que je veux te dire?"

Doch ich habe gute Hoffnung, was meine Konversation in einem Jahr angeht.
Meine Güte: Ich habe in Berlin manchmal die Erasmus-Studenten aus Italien und Spanien beobachtet und erlebt. Manche konnten nach einem Jahr radebrechend deutsch, manche verständigten sich sogar nur mit rudimentären Kenntnissen in Englisch. Der Gesichtsausdruck, wenn so ein Fremdling sich freiwillig in Vorlesungen mit deutschen Informationen zuhageln lässt, ist schwer zu beschreiben. Er strahlt das Schwanken aus zwischen engagiertem Mitmachfieber und verzweifeltem Unverständnis. Er will sagen: Was bitte sollen diese komischen Laute jetzt bedeuten. Dieser Gesichtsausdruck ist gleichzeitig Bewunderung und Neid, Resignation und Hoffnung. Die Person hinter diesem Gesicht fragt sich, ob das wirklich die richtige Entscheidung war, ob dieser Stoff etwa auch im Examen abgefragt wird und ob man als Erasmusstudent eine Art Welpenschutz genießt. Und dieses Gesicht lächelt mild und hofft inständig, jetzt bloß nicht vom Prof gefragt zu werden. Ich möchte mich in den Vorlesungen, glaube ich, nicht selbst beobachten.